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Presseartikel: Hilferuf aus dem Jugendknast nach Personal

Regis-Breitingen
Das Gespräch verläuft sachlich, nicht zu emotional und lässt sich dennoch in einem gefühlsbetonten Wort zusammenfassen: Hilferuf. Den senden die Verantwortlichen und Personalvertreter der Jugendstrafvollzugsanstalt (JSA) Regis-Breitingen aus beim Besuch des Landtagsabgeordneten Harald Baumann-Hasske, justizpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Auf seiner neuerlichen Gefängnistour im Freistaat sammelt er Informationen für die Haushaltsdebatte im Parlament und eine Initiative für bessere Betreuung und Resozialisierung von Gefangenen nach der Haft.

Alltagssituationen eskalieren ganz schnell

Zum Auftakt des Gesprächs lässt Anstaltsleiter Uwe Hinz zwei Videosequenzen zeigen: Auf dem Hof spielen einige junge Männer Fußball, andere stehen daneben. Dann fliegen ein paar Worte hin und her, ehe sich wie aus dem Nichts eine harte Prügelei entwickelt. Selbst auf dem Boden Liegende werden weiter geschlagen und getreten. Der zweite Film zeigt einen verglasten Gang. Eine Gruppe läuft entlang, eine zweite folgt – alles scheint entspannt. Dann verbale Auseinandersetzungen, Schläge, Tritte, Verletzungen. Mittendrin sind hier wie dort einzelne Bedienstete der JSA. Auch sie werden zum Teil angegriffen. Erst nach dem Einsatz weiterer Kräfte und erneutem Aufflackern kommen beide Situationen wieder zur Ruhe.

Bedienstete setzen sich Gefahr aus

„So ehrenwert der Einsatz der Kollegen zwischendrin ist“, sagt Dennis Naumann, Abteilungsleiter Funktionsdienst und Untersuchungshaft, „sie setzen sich einer großen Gefahr aus. Bei vielen Gefangenen gibt es keinen Respekt mehr vor der Uniform, die kennen keine Grenzen.“ Und die Vorfälle häufen sich. Noch vor zwei, drei Jahren habe es das kaum gegeben.
Damals hatte sich die Gefangenenzahl im Jugendbereich halbiert, erklärt Hinz. Da habe Sachsen den Personalabbau fortgesetzt. Inzwischen hat die Anstalt von einst 186 Bediensteten nur noch 123. Von denen eigentlich nie alle zur Verfügung stehen. „Eine Nachtschicht wird in der Regel mit acht Bediensteten absolviert“, sagt die Sicherheitsbedienstete Sylvia Schmidt – fürs gesamte Objekt. Wobei für diesen Freitagabend am Vortag erst vier Bedienstete und zwei Anwärter gefunden sind, so Naumann.

Schere geht immer mehr auseinander

Die Schrumpfung der Mitarbeiterzahl um ein Drittel wirkt umso dramatischer, wenn die andere Seite einbezogen wird. Von der reinen Ausrichtung auf Jugendstraftäter musste die JSA zur Mischbelegung übergehen. Erst kamen Männer bis 27 Jahre hinzu. Nun sind auch junge Untersuchungshäftlinge (bis 24 Jahre) unterzubringen. 45 waren angekündigt, momentan sind es 63. Und hier beträgt der Ausländeranteil bis zu 80 Prozent; über alle Gefangenen hinweg sind es 33 Prozent.
Mittlerweile ist der geschlossene Vollzug (der eigentliche „Knast“) mehr als ausgelastet. „Das gilt bei 90 Prozent Belegung“, sagt Hinz. „Wir hatten jedoch gerade 104 Prozent.“ Baulicherseits sind 283 Plätze vorgesehen, 286 Gefangene sind es am Vortag von Baumann-Hasskes Besuch; weitere Kapazitäten in offenem Vollzug, Jugendarrest und Vollzug in freien Formen (Seehaus am Hainer See) werden mit derzeit 22 Menschen zu einem Drittel genutzt.
Im Mai kam die Aufforderung, weitere 51 Plätze zu schaffen, erzählt Naumann. „Wir mussten dazu übergehen, in Einzelhafträumen mit teilweise offener Toilette Doppelstockbetten zu stellen.“ Aus der Not- werde eine ständige Belegung.

Mehr Gefangene haben heute Psychosen

Helena Witschel verweist auf die höhere Zahl Gefangener mit Psychosen, posttraumatischen Belastungsstörungen. Immer mehr Aggressionen treten auf, vor allem bei den U-Häftlingen, so die Leiterin des Psychosozialen Dienstes. Was mit daran liege, dass diese über 20 Stunden eingeschlossen sind, nicht beschäftigt werden können, Fernseher und Radio nicht haben.
Die „normale Klientel“ bekommt Schul- und Ausbildungsangebote. JSA-Chef Hinz fügt hinzu, dass ein Großteil der Bediensteten in der Vergangenheit zudem Gruppenarbeit anbot. Die Inhaftierten hatten etwas zu tun, es entstanden bessere Beziehungen. Jetzt aber funktioniere das Konzept der Betreuung nicht mehr so. „Mit der geringeren Anzahl Mitarbeiter müssen wir zuerst für Ordnung und Sicherheit sorgen.“

Weniger Personal, mehr Gefangene und schwierigere Gefangene

Der Vorsitzende des örtlichen Personalrates fasst die Problematik zusammen: „Weniger Personal, mehr Gefangene und schwierigere Gefangene“, sagt Rico Thieme. Kontrollen durch die Kostklappe in der Tür seien gefährlich, weil geworfen, gestochen, heißes Wasser geschüttet werden könne. „Früher gab es Spione, Gucklöcher in der Tür.“

Drängen auf bauliche Veränderungen

Zudem drängt er auf bauliche Änderungen: doppelte Türen, mehrere kleinere Höfe, damit nicht 100 Mann bei einem Hofgang sind, Plexiglas mit Löchern als Fenster, damit kein Müll rausgeworfen werden kann und die Lärmbelästigung für Regis und Deutzen geringer wird. Besser wäre natürlich, die U-Haft aus Regis zu nehmen. Dafür sei die JSA nicht ausgestattet; hier gibt es Wohngruppen mit Einzelhafträumen, aber keinen Zellentrakt. Und mehr Personal wünscht er sich. Die drei Zugänge zum Jahresende machen nur die drei Vorruheständler wett.

Göthel: Zustände für Bedienstete angespannt und überfordernd

„Die Zustände in der Anstalt sind für die Bediensteten mehr als angespannt und überfordernd“, sagt Hermann Göthel, der Vorsitzende des ehrenamtlichen Beirates. Alles sei nur noch darauf ausgerichtet, den Dienstbetrieb aufrechtzuerhalten und Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten, was sich immer schwieriger gestaltet. „Wir betreiben keinen Behandlungsvollzug mehr, sondern im Grunde schon Verwahrvollzug.“ Er wolle keine Ruhe mehr halten, sondern Krach schlagen. Die Politik, der Landtag seien gefordert.

Stellen zu besetzen, dĂĽrfte auch Problem sein

Der Abgeordnete Baumann-Hasske geht davon aus, dass die Forderung von Anstaltsleiter Hinz nach einem Stopp des Stellenabbaus bereits erfĂĽllt ist. In den beiden Vorjahren wurden sachsenweit neue Stellen geschaffen. Das soll auch der neue Haushalt vorsehen.
Er vermutet jedoch ein Problem darin, diese zu besetzen. Eine Ausbildung dauere zwei, drei Jahre. Kurzfristig könnten Tarifbeschäftigte helfen. „Mit solchen Seiteneinsteigern habe ich gute Erfahrungen“, entgegnet Hinz. Da muss es nicht der unmittelbare Umgang mit den Gefangenen sein. Es gebe genug Arbeit, die nach einem Crashkurs von etwa sechs Wochen ausgeführt werden kann.
Von Olaf Krenz