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AWO-Sommergespräch #3

„Kriminalität hat ihren Ursprung dort, wo sich niemand kümmert“

Jugendgewalt – Einzelphänomen oder Massenproblem?
Auf Einladung der AWO Dresden kamen am vergangenen Donnerstag Wolfgang Gunkel, Mitglied des Bundestages, der Oberstaatsanwalt Christian Avenarius, der Dresdner Rechtsanwalt Harald Baumann-Hasse und der stellvertretende Vorsitzende der AWO Erzgebirge Gerd Weigel ins Gespräch. Die Gesprächsteilnehmer sind sich einig: Jugendgewalt ist ein lösbares Problem, wenn Prävention und staatliche Maßnahmen an der richtigen Stelle ansetzen.
Die jüngsten Ereignisse in Dresden zeigen wieder, wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Thema Jugendgewalt ist. Doch das von den Medien gezeichnete Bild von zunehmenden Gewaltstraftaten entspricht nicht den realen Verhältnissen. Angesichts der jüngsten Kriminalstatistiken könne nicht von einer ansteigenden Zahl der Gewaltstraftaten gesprochen werden, wie der ehemalige Polizeipräsident Gunkel erklärt. Problematischer sei hingegen, wie Baumann-Hasske ergänzt, die zunehmende Brutalität der Übergriffe. Eine Beobachtung, die auch Oberstaatsanwalt Avenarius in den vergangenen 15 Jahren machen musste. Tätlichkeiten wie Tritte gegen wehrlos am Boden liegende Opfer, Tritte in den Bauch und gegen den Kopf, Gewaltexzesse, die früher die Ausnahme waren, seien heute an der Tagesordnung.
Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, dürfe nicht auf härtere Strafen und die abschreckende Wirkung des Strafvollzugs gesetzt werden, so Avenarius. Jugendstrafvollzug sei Erziehungsvollzug. Um künftige Rückfälle verhindern zu können, setze das Jugendstrafrecht auf Grenzziehung und Kompetenzförderung der straffällig gewordenen Jugendlichen. Gunkel fügt hinzu, dass die Lösung des Jugendgewaltproblems nicht allein durch Polizei und Staatsanwaltschaft zu erreichen sei. Es bedürfe in erster Linie einer engen Zusammenarbeit der Eltern, Schulen und Jugendämter. Eine bedeutende Rolle käme hier den Schulsozialarbeitern zu, wie Weigel verdeutlicht. Die noch längst nicht an allen Schulen eingeführte Schulsozialarbeit liefere Ansprechpartner für die Jugendlichen und könne helfen, Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen.
Die Gewalt an Schulen zeige sich heute auch in einer sehr viel subtileren Form, so Gunkel. Die psychische Gewalt unter Jugendlichen dürfe nicht unterschätzt werden und müsse stärker in den Fokus rücken. Baumann-Hasske betont, dass sich weder die Eltern, noch die Schulen ihrer Verantwortung entziehen dürften. Wenn Jugendliche kriminell würden, deute dies auf ein problematisches soziales Umfeld und auf das Versagen der Eltern hin. Dem könne der Staat nur in der KiTa und in der Schule begegnen. Sozialarbeit müsse eine wichtige Rolle übernehmen, aber dazu müsse der Staat die Kosten übernehmen. Kriminalität habe fast immer ihren Ursprung dort, wo sich niemand kümmert.
Die Reihe AWO-Sommergespräch wird am 14. August fortgesetzt, diesmal zum Thema Soziales Europa. Es diskutieren der ehemalige europäische Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit sowie ehemalige Ministerpräsident der Tschechischen Republik Vladimír Špidla und der Präsidenten von EUSONET - dem Netzwerk sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen - Harald Baumann-Hasske.